Erzählform Modell, 2014

Anlass für einen Besuch in Iqaluit, Kanada, im selbstverwalteten Territorium der Inuit war der langjährige email Kontakt mit Bildungsaktivisten dort. Für ihren Inuktitut Sprachraum kreieren und publizieren sie unter anderem neue, technologiebezogene Begriffe. Denn was da seit gut einer Dekade passiert, ist weltweit selten: eine einst mündliche Kultur ist dabei, sich zu verschriftlichen. Inuktitut wird seit der Einführung von Informationstechnologien in der eigenen Schrift getextet, getwittert, und als email verschickt. Parallel dazu fungieren Objekte. Zum Beispiel eine scheibenartige Holzform, handtellergross, federnbesetzt, und mit zwei fingerringgrossen Öffnungen versehen. Eine sogenannte Fingermaske, die der, die Erzählende mit Bewegungen animiert. Noch bildhafter ist das doppelt faustgrosse Modell eines Iglus von Jonah Oolayou (1969), aus dem ein Eisbär zähnefletschend seinen Kopf herausstreckt. Schutzlos, vor dem Iglu stehend versucht ihn eine Inuitfamilie zu bekämpfen. Ein spezifisches Gebäude repräsentiert das Modell da nicht, doch sein Maßstab organisiert die Erzählung unmittelbar. Ich verstehe sie, körperlich. Das mehrere Meter hohe, hölzerne Kuppelmodell von Michelangelo (nach 1546) steht im Archiv der Bauhütte des Petersdoms. Obwohl es an erster Stelle sicherlich als Entwurf und Leitbild während des jahrzehntelangen Bauprozesses diente, ist es auch mindestens einmal von den Worten Michelangelos begleitet dem damals amtierenden Papst präsentiert worden. Das Modell erlaubte, die Zukunft zu erzählen.
Die klassische Szene – mit dem Architekten im Zentrum, expressiv über dem Gebäude-, besser noch dem Stadtmodell gestikulierend – ist uns nur zu vertraut: die Vision des zu Bauenden wird ausgebreitet. Selbst in den kulturellen Kontexten, in denen seit Jahrhunderten Schrift und Zahl das Leben organisieren, bleibt die Bestimmung des Maßstabs durch spezifische Objekte, die sich als Modelle erzählen lassen, selbstverständlicher und intensiver.
Le Corbusiers Hand weist schöpfergleich auf das Modell des neuen Paris (1925). Tatsächlich affirmiert das Modell eine Lieblings-
perspektive der Moderne, jene ästhetisierende Sicht auf die Volumen der Baukörper, aus der Luft betrachtet. Das Alltagsdetail wird mit einer gewissen Flughöhe nebensächlich, dynamisch tritt die Imagination in den Vordergrund. So scheinen Modelle immer auch mit der Erzählung politischer und ökonomischer Macht verbunden. Was aber, wenn Modelle paradoxe Perspektiven ermöglichen? Hast du das weite, einfache Terrakotta-Modell eines Gebäudes gesehen, von dem die breite Öffentlichkeit und ich lediglich wissen, dass es mal in Pakistan gestanden haben soll, und nach der Habhaftwerdung von Osama Bin Laden durch eine amerikanische Eliteeinheit inzwischen zerstört wurde? Übermannshoch schiessen die Gräser und Bäume aus diesem Modell des Künstlers Huang Yong Ping. Als Achtjähriger modellierte ich einmal die Pyramiden von Gizeh mit dem nicht weit davon entfernt fliessenden Nil aus Sand am Strand. Lego bietet
seit 2008 Bausätze für Raumschiffe und Bergwerke an.

in: Was Modelle können, Hg. Eva Schmidt, Köln 2014,
Seiten 142 – 144